Kulturkreis (SM 16.12.2010; 16.1.2011)
Horst Seehofer ist es gelungen, ein längst überholtes Konzept wieder in den Diskurs über die Migration einzuführen: „Es ist doch klar, dass sich Zuwanderer aus anderen Kulturkreisen wie aus der Türkei und arabischen Ländern insgesamt schwerer tun. Daraus ziehe ich auf jeden Fall den Schluss, dass wir keine zusätzliche Zuwanderung aus anderen Kulturkreisen brauchen.“
Die Lehre von den Kulturkreisen wurde maßgeblich von der Wiener Schule der Völkerkunde Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelt. Sie erfanden den Begriff des 'Urkulturkreises', den man sich monotheistisch, monogam und patriarchalisch vorstellen sollte - als wertvollsten aller Kulturkreise, aus dem alle anderen hervorgingen. Die Nationalsozialisten griffen dieses Vokabular für ihre Rassentheorie auf. Die Kulturkreislehre wurde jedoch in späteren Jahren zunehmend massiver Kritik ausgesetzt – als alternativer Begriff setzte sich der 'Kulturraum' durch.
Erneut entfachte sich die Debatte um 'Kulturkreise' mit Erscheinen des Buches "Kampf der Kulturen" (1993) von Samuel Phillips Huntington (US-Politikwissenschaftler) – u.a. zu dessen These, dass die Weltpolitik des 21. Jahrhunderts von Konflikten des westlichen Kulturkreises mit dem chinesischen und dem islamischen Kulturkreis bestimmt sein werde. Aufschlussreich ist hier die Wortfügung 'westlicher' Kulturkreis anstelle von 'christlich': 'westlich' steht bei Huntington für rational, aufgeklärt, säkularisiert. Für den Westen wird 'Religion' durch 'Kultur' ersetzt, um über die religiöse Grundierung hinwegzutäuschen.
Im gegenwärtigen Diskurs über Migration wird 'Kultur' in einen arbeitsmarktpolitischen Zusammenhang gestellt, d.h. in ein zentrales Interessenfeld neoliberaler Politik. Bei Seehofers Ausspruch geht es um die 'Integrationsfähigkeit' von Zuwanderern, speziell Arbeitskräften, in Abhängigkeit von ihrer Herkunft. Die genannten Länder (Türkei und arabische Länder) stehen – unausgesprochen – für den islamischen 'Kulturkreis'. Dabei ist die Bemerkung, dass sich Zuwanderer dieser Herkunft 'schwerer tun', an sich eher schonend und verhüllend als bloßstellend, doch die unvermittelte Schlussfolgerung, dass sie daher 'nicht gebraucht' werden, lässt das Urteil hart und abwertend wirken.
Noch eine Botschaft ist im Begriff des 'Kulturkreises' verborgen: Mit dem Wort 'Kreis' wird – in der Tradition dieser Debatte - etwas in sich Geschlossenes, nur aus sich selbst heraus Erklärbares bezeichnet, das sich weder nach außen (oder für andere Kreise) öffnet noch von außen verändern lässt. Ethnologisch verbrämt, heißt das nichts anderes als 'draußen bleiben!'. In diesem Verständnis bietet sich der 'Kulturkreis' als ein griffiges Konzept nicht zuletzt für die neoliberale Argumentation an: Mit dem scheinbar unabänderlichen Wesen von 'Kulturkreisen' können beliebig Forderungen nach gesellschaftlicher Integration oder Überwindung der Benachteiligung von Migranten weggewischt werden.
Quellen: