Eigenverantwortung für die Gesundheit (SM 24.10.2010)
Bereits Schröder hatte 'mehr Eigenverantwortung' zum 'Codewort' für das Gesundheitswesen erhoben (2003). Im Gesundheitsmodernisierungsgesetz von 2004 wurde dieses neoliberale Konzept verankert. Im Kern ging es dabei um folgende gesundheitspolitischen Ziele: eine höhere finanzielle Eigenbeteiligung der Individuen, die Stärkung von Marktstrukturen im Gesundheitswesen und die Erhöhung individueller Verantwortung für das eigene Gesundheitsverhalten.
Während die ersteren beiden Ziele im Konzept des '
eigenverantwortlichen Versicherten' ihren Ausdruck finden, ist die 'höhere Eigenverantwortung für die Gesundheit' vielschichtiger angelegt. An sich ist die Verantwortung für die eigene Gesundheit eine positive und durchaus einleuchtende Vorstellung. Bei der neoliberalen Gesundheitsreform geht es jedoch darum, unter dem Stichwort 'Eigenverantwortung' den Staat und die Gemeinschaft von ihrer Verantwortung (vor allem Kosten!) im Bereich der Gesundheitsfürsorge zu entlasten. Eigenverantwortung wird damit zum Synonym für Entsolidarisierung.
Praktisch zielt die 'Eigenverantwortung' vorrangig auf die Individualisierung der Gesundheitsvorsorge (Prävention). Auch das klingt zunächst plausibel: "Bessere Vorsorge, vernünftiges und gesundheitsbewusstes Verhalten nützt uns allen" (Schröder 2003). Doch mit der höheren Verantwortlichkeit für die Gesundheit wird zugleich das Verhältnis zur Krankheit neu bewertet. Zumindest unterschwellig weist das verhaltensbezogene Präventionskonzept mit Betonung der 'Eigenverantwortung' dem Einzelnen eine stärkere Schuld an seiner Krankheit zu.
Vor allem aber werden die völlig unterschiedlichen sozial-kulturellen Voraussetzungen der Einzelnen für die Gesundheitsvorsorge ausgeblendet. Lebensstile, die auf gesunde Ernährung und körperliche Fitness ausgerichtet sind, finden sich typischerweise in den besser gestellten sozialen Schichten, während sich gesundheitsgefährdende Verhaltensweisen eher in den unteren sozialen Lebenslagen konzentrieren. Präventionsprogramme, die den Krankheitsfaktoren Rauchen, Übergewicht und Bewegungsmangel zu Leibe rücken sollen, werden gerade diese letzteren Risikogruppen kaum erreichen.
Gesundheitsvorsorge als Inbegriff von 'Eigenverantwortung' hat aber noch eine weitere Dimension: Die ständige Sorge um den eigenen Körper, die unaufhörliche - von Medien und Markt beförderte – Beschäftigung mit gesundheitsbewusster Ernährung, körperlicher und geistiger Fitness, sind Bestandteil eines allgegenwärtigen Konsumdenkens. Verantwortlich aus dieser Sicht glaubt jeder zu handeln, der sein Geld für gesundheitsfördernde Kurse und Präparate ausgibt. So beflügelt individuelle Gesundheitsprävention nicht zuletzt die Nachfrage auf dem Gesundheitsmarkt.
Quellen: