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Bürgerschule (SM 26.10.2011)

Öffnet internen Link im aktuellen FensterBildungspolitik

Ein neues Schlagwort taucht in der deutschen Bildungsdebatte auf: die 'Bürgerschule'. Ein verheißungsvoller Name, der nach Gemeinsinn und Selbstbestimmung klingt - scheinbar abgehoben von dem Wirrwarr an vorhandenen Schultypen und jenseits der alten Grabenkämpfe um das gegliederte System und die Gesamtschule. Doch wie sieht das Konzept einer zukünftigen 'Bürgerschule' aus?

Das Modell für diesen neuen Schultyp stammt von den 'Charter Schools' in den USA. Das sind Privatschulen, die komplett vom Staat finanziert werden. Zu den Betreibern gehören Universitäten, Lehrer, Eltern und 'Philantropen' ebenso wie Hedgefonds-Manager und kommerzielle Unternehmen. Die 'Charter Schools' sollen – in Konkurrenz zu den öffentlichen Schulen – bildungsbestrebte Schüler anziehen und damit den institutionellen Wettbewerb im Schulwesen ankurbeln. Als autonome Einrichtungen bestimmen sie, wie der Lehrplan aussieht. Sie haben zudem das Recht, Lehrkräfte zu heuern und zu feuern. Wer sich dagegen wehrt, wie die amerikanischen Lehrergewerkschaften, wird von der Charter-School-Lobby bekämpft.

In Deutschland sprechen neoliberale Bildungsreformer lieber von der 'Bürgerschule'. Das Wort 'Bürger' lässt Gedankenverbindungen z.B. zum angesehenen 'Bildungsbürgertum' oder zum Sozialmodell der 'Bürgerversicherung' aufkommen, rückt also Persönlichkeitswerte und Eigenständigkeit ins Blickfeld. In diesem Sinne wird auch argumentiert: "Eine dynamische Bürgergesellschaft braucht eine Bürgerschule, in der Lehrer, Eltern und Schüler ihre Angelegenheiten selbst regeln." (Lindner/ Schneider). Doch im Kern geht es bei der 'Bürgerschule', genauso wie bei den 'Charter Schools', um institutionelle Unabhängigkeit vom öffentlich kontrollierten Bildungswesen.

So fordert z.B. die Berliner FDP, die Organisation aller öffentlichen Hauptstadt-Schulen auf freie Träger wie Vereine, Stiftungen oder Kirchen zu übertragen. Die so entstehende 'Bürgerschule' würde Budgetfreiheit, Personalfreiheit und Gestaltungsfreiheit erhalten. 'Freiheit' der Schulen in diesem neoliberalen Sinn hieße Unabhängigkeit von staatlichen Vorgaben beim Einsatz der finanziellen Mittel, bei der Einstellung, Bezahlung und Entlassung von Lehrkräften und bei der Ausgestaltung des Bildungsprogramms, aber zugleich Abhängigkeit von den Entscheidungen und Interessen der jeweiligen Träger.

Für 'selbstständige, von Bürgern getragene Schulen' setzt sich auch die Stiftung Zukunft Berlin ein, zu deren Förderern die Commerzbank, die Unternehmensberatung KPMG sowie ein Pharmaunternehmen zählen. Auch der Gesamtverband des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, der viele Privatschulträger vertritt, plädiert bundesweit für die 'Bürgerschule' und verlangt, dass Schulen aus 'zentralistischen Verwaltungsstrukturen' (sprich: aus dem 'staatlichen Schulwesen') herausgelöst und 'gemeinnützige Schulträgerschaften' (also Trägerschaft von Vereinen, Stiftungen oder Unternehmen) gefördert werden sollten.

Widerspruch gegen die 'Bürgerschule' meldet vor allem die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft an. Sie nennt das eigentliche Problem: die Unterfinanzierung der Schulen, und warnt vor der neoliberalen Strategie, das öffentliche Bildungswesen materiell auszutrocknen, um den Weg für den Systemwechsel, für die umfassende Privatisierung zu bereiten.

Quellen:

  • Holland-Letz: "Arenen des Leistungswettbewerbs" - Diane Ravitchs fulminante Kritik an den marktnahen US-Schulreformen - in Erziehung und Wissenschaft 11/2010, S. 26-27 [http://gew.de/Ravitchs_Kritik_an_den_marktnahen_US-Schulreformen.html]

  • Holland-Letz: Kommt die deutsche Charter School? Wie Neoliberale und Stiftungen den Umbau der öffentlichen Bildung betreiben - in Erziehung und Wissenschaft 6/2011, S. 20 [http://www.arge.schule-hamburg.de/Archiv/STIPrivatisierung.html]

  • Lindner/ Schneider: Wir brauchen eine moderne und offene Bürgerschule – in Welt Online v. 15.02.2011 [http://www.welt.de/debatte/kommentare/article12550513/Wir-brauchen-eine-moderne-und-offene-Buergerschule.html]